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Eltern-Kind-Entfremdung – Überlegungen einer Ex-Gutachterin

13. Juli 2021 // Carsten Vonnoh

Gastautorin: Dipl.-Psych. Marianne Nolde

In 36 Jahren als Gutachterin für Familiengerichte habe ich dieses Phänomen der Copyright Birgit Röpke kennengelernt, habe mit ihm gerungen, mich fortgebildet, mit Kolleg:innen ausgetauscht und immer wieder neu darüber nachgedacht. Anstelle von Patentlösungen, die keine sind, wünsche ich mir einen differenzierten Blick darauf. Hier meine Überlegungen zum Thema, die ich bewusst als meine Überlegungen kennzeichnen möchte. Jeder wird durch seine persönliche Brille etwas andere Facetten sehen. Dies sind Facetten, die ich bisher gefunden habe:

Über PAS, den Film „Weil du mir gehörst“ und das Problem, dass man sich in zwei Richtungen irren kann

Als Richard Gardner sein Buch über das „Parental Alienation Syndrome“ – kurz PAS – veröffentlichte, war das für manche von ihren Kindern nach der Trennung abgelehnte Eltern (überwiegend Väter, aber auch Mütter) eine Offenbarung. Als Gutachter:innen kannten meine Kolleg:innen und ich dieses Phänomen allerdings schon aus unserer Berufspraxis. Alles das, was Gardner beschreibt, gibt es nach meiner Erfahrung und Überzeugung wirklich. Und es ist in dem Film „Weil du mir gehörst“ ziemlich realistisch dargestellt (nur die vage Aussicht am Ende auf ein HappyEnd durch einen Richter, der das Kind im Ansatz zu erreichen scheint, finde ich weniger realistisch – nicht weil es so kluge und engagierte Richter:innen nicht gäbe, sondern weil die Kinder bei fortgeschrittener Entfremdung nach meiner Erfahrung oft gar nicht mehr durch gutes Zureden erreichbar sind).

Bei Gardner klang alles so einfach. Anhand der von ihm entwickelten Kriterien diagnostizierte er PAS in unterschiedlicher Ausprägung, und je nach Ausprägung empfahl er die Durchsetzung eines Umgangsrechts oder in schwerwiegenden Fällen die Übersiedlung des Kindes zum abgelehnten Elternteil. Mit der PAS-Diagnose in hoher Ausprägung ist der Elternteil, bei dem das Kind lebt, als Gefährder oder mehrheitlich als Gefährderin erkannt, und der empfohlene Aufenthaltswechsel setzt voraus, dass der andere Elternteil besser geeignet ist. Ein Elternteil ist eindeutig der Täter, der andere das Opfer.

Nicht selten nahm die Entfremdungsgeschichte ihren Anfang mit einem Missbrauchsvorwurf oder einem Gewaltvorwurf. In dem Fall war in der Regel zunächst der Vater als Täter identifiziert, Mutter und Kind waren Opfer. Mit der PAS-Diagnostik drehte sich das um: Nun war der entfremdete Vater das Opfer und der bessere Elternteil, während die Mutter als Täterin entlarvt wurde.

Ich selbst bin viele Jahre als aussagepsychologische Gutachterin in Strafsachen speziell in Missbrauchsfällen tätig gewesen. Von daher weiß ich: Es ist unglaublich schwierig und nach meiner Auffassung nicht hundertprozentig sicher, eine Klärung herbeizuführen, wenn es nur unterschiedliche Aussagen und keine objektiven Beweise gibt. So einfach ist das also nicht, wenn eine Mutter einen Missbrauchsvorwurf einbringt, herauszufinden ob da etwas dran ist. Ob das Kind womöglich WIRKLICH gefährdet ist, wenn es beim anderen Elternteil ist. Zum Beispiel auch bei einer schwerwiegenden psychischen Erkrankung oder Suchtproblematik der Mutter oder des Vaters.

Ich kann mich immer in zwei verschiedene Richtungen irren. Ich kann fälschlich von Manipulation ausgehen, die Vorwürfe ignorieren und das Kind einem Zusammensein mit einem Elternteil aussetzen, bei dem es massiv geschädigt wird. Und ich kann fälschlich davon ausgehen, dass ein Problem vorliegt, das aber tatsächlich zu Unrecht behauptet wurde (nicht immer böswillig, es gibt auch Missverständnisse, gerade im Bereich sexueller Missbrauch), und damit ohne Notwendigkeit eine wichtige Bindung des Kindes zerstören.

An dieser Stelle kommt Lagerbildung ins Spiel, die ich nicht hilfreich finde. Das eine Lager sieht nur die eine Möglichkeit, das andere nur die andere – je nach selbst Erlebtem. Der Vater, der sein Kind nicht missbraucht hat, und die Mutter, die ihr Kind nicht emotional erpresst hat, die wissen das sicher. Alle anderen aber erstmal nicht. Und stehen damit als professionell Beteiligte ständig in der Gefahr, folgenschwere falsche Entscheidungen zu treffen.

Wenn ich den Film „Weil du mir gehörst“ empfehle, dann gibt es Reaktionen der Art, dass ich damit der Retraumatisierung von Gewalt betroffener Mütter und dem Leid missbrauchter Kinder Vorschub leiste, weil nach diesem Film wieder mehr Menschen jede Kontaktverweigerung auf Manipulation des Kindes zurückführen und tatsächlich erlittenes Trauma übersehen werden, so die Befürchtung.

Das kann sogar sein. Trotzdem braucht es den Film. Denn das da Gezeigte gibt es und muss ins öffentliche Bewusstsein, weil es eine Spielart von Kindeswohlgefährdung darstellt, die wir kennen sollten.

Aber ebenso gibt es auch durch den abgelehnten Elternteil traumatisierte Kinder und von Ex-Partner:innen traumatisierte Elternteile.

Es gibt nicht nur eines, sondern beides (und Mischformen dazu). Und das eine ist vom anderen nicht immer leicht und oft auch nicht hundertprozentig gesichert zu unterscheiden. Im Film sieht man, wie das Kind manipuliert wurde, weiß Bescheid und denkt, da muss man doch was gegen tun! In der realen Situation hat man diese Sicherheit über die Verursachung nicht oder jedenfalls nicht sofort. Mal ganz davon abgesehen, dass die Verursachung auch mehrdimensional sein kann – nicht auszuschließen, dass beide Eltern ihren Anteil an der Misere haben.

Ein Gerichtsbeschluss ändert nicht automatisch Verhalten und Gefühle der Eltern / Kontaktverweigerung als Selbsthilfemaßnahme des Kindes – kann ich ihm tatsächlich etwas Besseres anbieten als diesen Notbehelf?

Gehen wir mal davon aus, dass hinreichend geklärt wurde, dass das Kind infolge der Manipulation durch einen Elternteil Kontakt zum anderen ablehnt und überhaupt nichts gegen diesen Elternteil spricht. Das Gericht beschließt folgerichtig, dass das Kind mit beiden Eltern Zeit verbringen wird und legt eine Umgangsregelung fest oder beschließt ein paritätisches Wechselmodell.

Wenn beide Eltern damit leben können, vielleicht sogar einsichtig geworden sind und sich zunehmend arrangieren, zudem das beschlossene Modell auch den individuellen Bedürfnissen des Kindes entspricht: Wunderbar! Das kommt sicherlich vor. Ich habe allerdings beruflich jahrzehntelange Erfahrung mit Familien, in denen es nicht gelang (die anderen brauchten mich ja nicht mehr, und ich sah sie nicht wieder). Das sieht dann im ungünstigen Fall etwa so aus:

Die Eltern hassen sich weiter und womöglich zunehmend. Der Elternteil, der eine Gefährdung vermutet, wenn das Kind sich beim anderen aufhält, ist von dieser Sorge weiter durchdrungen (und da es hundertprozentige Sicherheiten kaum gibt, muss das nicht zwingend auf böser Absicht beruhen). Er oder sie findet garantiert im Umfeld, bei Social Media oder in einer entsprechenden Selbsthilfegruppe Zuspruch für seine/ihre Sichtweise. Dort wird ihm oder ihr zugeredet, dass natürlich alles unternommen werden muss, um die vom Gericht leichtfertig und falsch beschlossene Regelung zu verhindern. Der andere Elternteil erfährt von seinen Unterstützern, dass das von ihm oder ihr Erlebte das typische Werk eines skrupellos manipulierenden Elternteils ist und man dagegen mit allem, was möglich ist, vorgehen muss. Die Stimmung heizt sich weiter auf.

Zwischen diesen beiden unversöhnlichen Eltern bewegt sich das Kind und stellt fest, dass es sich in Minengebiet befindet. Den anderen Elternteil zu erwähnen kann schon schwierig sein. Fragen über ihn/sie zu beantworten kann zu Ärger führen, Antworten vorsichtshalber zu verweigern auch. Unbefangenheit ist kaum noch möglich, es muss sich ständig kontrollieren und gut überlegen, was es sagt und was es besser verschweigt. Keine gute Voraussetzung für die Pflege und den Ausbau tragfähiger Bindungen an beide Eltern. Und das war und ist ja das Ziel all unserer Bemühungen und auch mein Anliegen: Kindern nach Trennung beide Eltern als Bindungspersonen zu erhalten. Das ist Thema meines Buchs „Eltern bleiben nach der Trennung“, in dem ich meine Erfahrungen aus der Gutachterpraxis und eigener Trennung mit Kindern verarbeite.

Was aber, wenn die Eltern dafür von ihrer Einstellung her keine Voraussetzungen schaffen können?

Folgendes finde ich wichtig zu bedenken: Wenn ich interveniere, mit einer gutachterlichen Empfehlung oder einem Gerichtsbeschluss, verbessere ich damit absehbar die Situation des Kindes oder interveniere ich es quasi zurück in eine Lage, in der es als einzigen Ausweg sah, einen Elternteil zu „opfern“, um dann wenigstens mit dem anderen etwas stressärmer leben zu können? Wenn ich dem Kind diese Lösung wegnehme, sollte ich wenigstens die Hoffnung haben, dass es künftig mit beiden Eltern besser dran ist. Wenn das nicht klappt, wird das Kind erneut den Weg gehen, sich von einem Elternteil zu distanzieren. Dann habe ich seinem Leidensweg nur eine zusätzliche stressreiche Phase hinzugefügt.

Kein Gerichtsurteil und keine gesetzliche Vorgabe kann erzwingen, dass Eltern ihr Verhalten und ihre Sicht auf die Dinge so ändern, dass das Kind künftig ein gutes Leben mit beiden Eltern im Wechsel haben kann und dabei nicht chronisch überfordert wird. Das haben nur die Eltern selbst in der Hand. Allerdings hat es jeder nur für sich in der Hand und kann nicht erzwingen, dass der andere etwas ändert. Was nun, wenn ersichtlich der andere es ist, der manipuliert, boykottiert und an dem jede Kooperation scheitert? Ist es nicht total ungerecht, wenn er oder bislang häufiger sie damit durchkommt?

Das Vorgehen nach Gardner wäre bei fortgeschrittener Entfremdung: Aufenthaltswechsel des Kindes zu dem Elternteil, der entfremdet wurde, weg von dem Elternteil, der das Kind instrumentalisiert.  Diese Lösung ist immerhin gerecht oder? (Natürlich vorausgesetzt, man hat sich bei der Einschätzung der Lage nicht geirrt.)

Wie aber wird es dem Kind damit gehen? Eine drängende Frage, die ich dazu hatte, habe ich Herrn Gardner bei der Internationalen PAS-Konferenz in Frankfurt gestellt.

Gardners bestürzende Erfolgsgeschichte: die Mutter, die ihre Kinder zurückerhielt / die Kinder, die daraufhin keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater hatten – mein Fazit

2002 fand in Frankfurt eine Internationale PAS-Konferenz statt unter Beteiligung von Gardner. Mit auf dem Podium eine Frau, die Gardner als Erfolgsfall seiner Arbeit aus USA mitgebracht hatte. Infolge seines Gutachtens waren die entfremdeten Kinder der Mutter zugeführt worden, sie beschrieb eindrucksvoll den Prozess, wie der Widerstand der Kinder sich schließlich auflöste (oder gebrochen wurde?). Kontakt zum Vater war in der Folge nicht möglich. Die Option, Bindung an beide Eltern leben zu können, gab es nicht. Ich fragte mich, warum Gardner gerade so einen Fall präsentierte, war das womöglich symptomatisch? Am Rande der Konferenz sprach ich mit Fachkolleg:innen und erfuhr von ähnlichen Entwicklungen, demnach nach dem empfohlenen Wechsel zum entfremdeten Elternteil Kontakt zum vorher betreuenden Elternteil nicht möglich war. Unsicherheit wurde geäußert, auch von einer Person, die so eine Empfehlung schon ausgesprochen hatte, ob das eine sinnvolle Option sei. Ein Vater, der auf diesem Wege die Kinder zugesprochen bekommen hatte, berichtete davon, wie nach einem ersten Besuch bei der Mutter die Rückkehr der Kinder nur mit Einschaltung der Polizei möglich war.

Ich fand das nicht so ermutigend, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich fragte mich, auch in Bezug auf den mitgebrachten Erfolgsfall: Hat hier quasi eine zweifache „Gehirnwäsche“ der Kinder stattgefunden (einen Begriff aufgreifend, der in der PAS-Diskussion verwendet wurde). Erst in Richtung: Mutter ist schlecht. Dann in Richtung: Nein, Mutter ist doch die Gute. Was macht so etwas mit den Kindern? Ich stellte meine Frage im Workshop Herrn Gardner. Seine Antwort lautete. „Lesen Sie mein Buch“. Das hatte ich getan und darin nichts gefunden, was sich mit dieser Frage auseinandersetzte. Auch als ein vom PAS-Konzept überzeugter Teilnehmer ihn bat, diese doch wichtige Frage zu beantworten, blieb es bei der Empfehlung, sein Buch zu lesen.

Ich war am Ende der Konferenz genauso ratlos wie zuvor. Bis heute finde ich schwierig, neutrale, ergebnisoffene Diskussionen über die Thematik zu führen, weil so viel Ideologie – aus verschiedenen Richtungen – hineinspielt. Es wird erbittert an Positionen festgehalten und alles das, was nicht dazu passt, wird ausgeblendet. Man ist entweder Freund oder Feind, und wer nicht ganz auf der gleichen Linie ist, wird schnell zum Feind.

Durch meinen jahrzehntelangen beruflichen Aufenthalt im Bereich eskalierter Elternkonflikte habe ich Verständnis entwickelt für die Reaktion einiger Kinder, sich eher auf einen Elternteil zu beschränken, als dem Druck verfeindeter Eltern standzuhalten. Selbst für mich als nur professionell beteiligter Person war es nicht leicht, die manchmal extremen Spannungen und schwelenden oder offen ausgetragenen Aggressionen auszuhalten, und wenn das schon für eine erwachsene Person belastend ist, wie soll das von den Eltern abhängige Kind in so einem Klima zurechtkommen?

Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass eine Bindung an beide Eltern einen hohen Wert darstellt. Aber ich verstehe auch, wenn im Einzelfall der Preis, den das Kind dafür zahlen muss, zu hoch ist und ihm alles lieber ist, als diesem Spannungsfeld weiter ausgesetzt zu sein.

Ich sehe nicht, dass gesetzliche Regelungen und Gerichtsbeschlüsse diese Problematik werden aushebeln können, wie immer wieder gefordert wird. Auch wenn ich gesetzliche Anpassungen im Familienrecht für erforderlich halte und entsprechend befürworte.

Aber das ALLEIN wird nicht helfen, wenn die Eltern nicht schaffen, in ihrem Einzelfall einen Weg zu finden, den die Kinder mitgehen können, ohne zerrissen zu werden. Daher ist der Schwerpunkt meiner Arbeit heute, Eltern auf diese Notwendigkeit hinzuweisen. Eine meiner beglückendsten Rückmeldungen auf mein Buch war die Zuschrift einer Mutter, die mir mitteilte, dass sie erst jetzt verstanden habe, dass sie ihre Kinder beeinflusst, und dass das ein Ende haben muss …

Portraitfoto: Copyright Birgit Röpke

Carsten Vonnoh Vater in Verantwortung

Meine Seminare für Väter sind für alle, die sich bewusst mit ihrer Vaterschaft auseinandersetzen, souveräner werden und ihre Vater-Kind-Beziehung weiter entwickeln wollen. Hier findet ihr die Seminare und Termine für 2021.