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Warum ich zwischen Vätern in Trennung und verheirateten Vätern nicht unterscheide

3. Februar 2019 // Carsten Vonnoh

Väter vs. Trennungsväter

Warum mache ich keinen Unterschied zwischen getrennten & verheirateten Vätern?

Seit ich das Portal Väter in Verantwortung gestalte, merke ich, wie schwierig manchmal der Spagat ist, Männer mit Kindern in schwierigen und weniger schwierigen Kontexten anzusprechen. Manchmal bekomme ich Rückmeldungen, dass meine Perspektiven nicht angemessen sind, wenn man(n) z.B. in einer „hochstrittigen“ Familiensituation kaum mehr als 4 Stunden „Umgang“ im Monat hat. Oder aber die Themen Trennung und Umgang mit Erschöpfung, Wut und Trauer in „heilen“ Familiensituationen wenig Anklang finden.

Dennoch versuche ich diesen Spagat und die 4500 Abonnenten innerhalb eines Jahres geben mir den Eindruck, dass mir das meistens gelingt. Mein Ziel ist es immer, neue Perspektiven und das Verbindende zwischen allen Vätern zu thematisieren, auch das Leidvolle, das Herausfordernde, das Zerstörerische. 

Ich verstehe vollkommen, wenn manche Thesen, manche Themen gerade bei denen für Aufruhr, zusätzlichem Druck oder (weiterer) Wut führen, weil sie Dinge berühren (oder vernachlässigen), die gerade so gar nicht in Ordnung sind. Bei allem Versuch, hier ausgewogen zu sein, kann es mir nicht gelingen, jede einzelne Familiensituation zu berücksichtigen. Im Gegenteil, ich möchte gerade die anstossen, die sich im möglicherweise immergleichen Gedankenkarussel bewegen, wenig Austausch haben und spüren, dass es einige Themen gibt, die auch schmerzvoll, aber wichtig sind und mit denen sich eine Auseinandersetzung lohnt, damit es „am Ende“ besser werden kann.

Warum sehe ich denn nun keine Unterschiede? 

Gerade in der Gruppenarbeit, in Seminaren, aber auch im Einzelcoaching merke ich, dass die Themen, an denen wir arbeiten sehr viel mehr Gemeinsamkeiten zeigen als Trennendes. Natürlich gibt es gerade in frischen Trennungssituationen oft andere Prioritäten, Zeiten in denen vieles erstmal nicht so gelingt, wie es sein könnte. Dennoch sehe ich überwiegend Gemeinsamkeiten bei ALLEN Vätern. 

Vergleichbare Herausforderungen

Wenn ich mich als Vater bewusst dafür entschieden habe, für mein Kind / meine Kinder Verantwortung zu übernehmen, dann sind die Themen Bindung, Erziehung und Vater-Kind-Beziehung ständig präsent und entscheidend, egal wie intensiv mein Kontakt mit meinem Kind ist. Natürlich macht regelmäßige, alltägliche Anwesenheit bei meinem Kind einen gewaltigen Unterschied. Aber auch die emotionale Greifbarkeit und liebevolle Aufmerksamkeit sind hier entscheidend. Beides kann auch in „stabilen“ Paarbeziehungen unzureichend sein und Männer vor große Herausforderungen stellen. 

Natürlich ist die Kommunikation als Elternpaar theoretisch einfacher, wenn man sich jeden Tag begegnet und ohne offenen Konfliktthemen begegnen kann. Dennoch ist auch das nicht immer der Fall, gerade in den ersten Jahren mit Kind verlieren sich viele Paare aus den Augen. Hier kann oft die Erschöpfung zu Spannungen führen, die gerade den so wichtigen offenen Austausch verhindern. Nicht selten führt diese Zustand unartikulierter Frustration zu den Trennungssituationen, denen ich später begegne. 

Vater-Kind-Beziehung 

Es ist kein Selbstläufer in stabilen Ehen, dass Väter (oder auch Mütter) eine tragfähige Beziehung, eine Bindung zu ihren Kindern aufbauen. Gerade für Väter, denen es nicht in die Wiege gelegt wurde, liebevoll, achtsam und gewaltfrei mit sich und ihren Kindern umzugehen, können sich hier schmerzvolle Grenzen auftun. Schnell zieht  sich zurückziehen oder in alte, fragliche, Muster zurückkehren.   

Eigene Themen sind überall

Auch wenn ich in einer festen Beziehung mit der Mutter meiner Kinder stehe, gibt es das Potential für Konflikte, aber genau so Potenzial, sich (gemeinsam) weiterzuentwickeln, oft geht das Hand in Hand. Häufig sind es gerade die ungeklärten Themen der kindlichen Vergangenheit, die in Beziehungen mit Kindern erst die Intensität von heftigen emotionalen Eskalationen erklären können. Hinzu kommen Themen wie Stress, Selbstbestimmung, Ängste und Wut. Hier gleichen sich oft Männer mehr, als wir das wahrhaben wollen. Eine Beziehung kann hier Stabilität und Sinn geben, doch noch lange nicht den Rahmen bieten, sich weiterzuentwickeln und seine „dunklen“ Seiten zu thematisieren. Wenn ich in bestimmten Situationen mit meinem Kind demütigend oder unberechenbar werde, habe ich die Verantwortung, mich damit auseinanderzusetzen, egal wie die aktuelle Familiensituation aussieht! Oft sind solche Themen auch maßgeblich für den Umgang mit Anderen inkl. meiner (Ex-)Partnerin. Auch im beruflichen Umfeld 

Herausforderungen gewaltfreier Erziehung

Da viele in unserer Generation in eher autoritären Familiensituationen aufgewachsen sind und Gewalt als direktes oder subtiles Mittel von Erziehung als selbstverständlich, ja unabdingbar angesehen wurde, sind wir oft zutiefst von diesen Erfahrungen geprägt. Das nach wie vor übliche regelmäßige Entwürdigen als Kind, das Ignorieren von eigenen Bedürfnissen und Grenzen und eine Haltung, die alles andere als einer Augenhöhe entspricht, haben ihre Spuren hinterlassen. Mit etwas Aufmerksamkeit spüren wir das überall, aber besonders im Umgang mit unseren Kindern, besonders unter Stress. Dann zerfallen die hochambitionierten Ideale, „alles“ anders zu machen und es zeigen sich Verhaltensweisen, die wir sehr viel besser kennen, als uns lieb ist. Verhaltensweisen, die wir niemals selbst zeigen wollten. 

So verantwortungs- und liebevoll wir mit unseren Kindern umgehen wollen, so oft fehlen uns die Alternativen, die Geduld und die Aufmerksamkeit, das auch zu tun. Hier neue Wege zu finden, sich selbst besser zu verstehen und alte Verletzungen zu „heilen“, gehört zu den wesentlichen Herausforderungen aller engagierten Väter. Leider haben hier alle Väter ähnlich wenige Möglichkeiten zum Austausch und zum gemeinsamen Lernen. 

Prävention 

In meinen monatlichen Vätergruppen sind zur Hälfte Männer in Trennung, manchmal auch „alleinerziehende“ Väter dabei. Hier ist mir bewusst geworden, dass auch wenn wir uns mit klassischen „Trennungsthemen“ beschäftigen, immer auch die anderen Väter etwas davon lernen können. Nicht zuletzt können sie ein größeres Bewusstsein dafür bekommen, was in einer Kleinfamilie nicht aus den Augen verloren werden darf. Und so ist dieser Aspekt, gerade bei den Themen Stress, Überforderung und Grenzen auch fester Bestandteil meiner Seminare für Bindungs- und Beziehungsorientierung, wo wir uns in einer Runde von 6-8 Vätern einen ganzen, intensiven Tag zusammensetzen, neue Perspektiven einüben und uns gemeinsam weiterentwickeln. 

Gesellschaftlicher Wandel 

Die Bedingungen für unsere Kinder werden nicht nur von der heimischen Atmosphäre, sondern auch von den gesellschaftlichen und politischen Prioritäten geprägt. Allein bei der Suche nach einem passenden Kindergarten oder den Möglichkeiten der Vereinbarkeit meines Vaterseins mit meiner Arbeitssituation zeigen die Abhängigkeiten, aber auch die Gestaltungsmöglichkeiten. Und hier ist für jeden Vater wichtig, dass er möglichst gute Bedingungen für sich und seine Kinder finden und einfordern kann. Hier ist es wichtig, dass es einen intensiven Austausch darüber gibt, was Vatersein im 21. Jahrhundert sein kann und muss, wie wir als Väter Antworten finden, die gut für unsere Kinder, aber auch für uns selbst sind. Völlig unabhängig, wie unsere aktuelle Elternsituation aussieht. 

Trotz aller Gemeinsamkeiten:

Ich weiß natürlich, gerade aus meiner eigenen schmerzvollen Trennungssituation, dass es auch ganz andere Themen, Prioritäten, eine ganz andere Hilflosigkeit gibt, die andere Männer in „stabilen“ Familienkontexten wenig, vielleicht gar nicht nachvollziehen können. Diese Perspektive bleibt mir persönlich immer präsent, nicht zuletzt durch meine intensive Arbeit mit Vätern in ALLEN Lebenssituationen. 

Deshalb veranstalte ich auch regelmäßige Workshops/Seminare, die sich besonders an Väter in Trennungssituationen richten und setze dabei auf gerade die Prioritäten, die im Moment am offensichtlichsten sind. Doch schnell merken viele, dass es doch sehr viel mehr Gemeinsames gibt und am Ende der (ehrliche) Fokus auf das Kind, die Vater-Kind-Beziehung und die essentielle Selbstreflektion in den Vordergrund rücken. 

Um das gut und mit voller Aufmerksamkeit machen zu können, halte ich mich auch weitestgehend aus den rechtlich-politischen Bewegungen und Diskussionen heraus, wenngleich ich einiges davon für wichtig und unterstützenswert halte. Dennoch kann uns eine Institution oder rechtliche Veränderung nur begrenzt dabei helfen, unsere eigenen Verletzungen und gescheiterten Beziehungen zu „reparieren“. 

Wie seht ihr das? Was fehlt euch an Themen? Wo würdet ihr Unterstützung und Impulse benötigen? Meldet euch gern direkt bei mir oder schaut euch meine Angebote an, um mit mir gemeinsam zu lernen.